Die Productized Service Challenge. Mit einem unerwarteten Ergebnis!

Du hast echte Substanz, du lieferst Qualität, du bekommst auch Kunden. Und trotzdem fühlt es sich an wie ein Hamsterrad.

Du arbeitest ständig, aber kommst nicht vom Fleck. Ohne dich läuft nichts. Urlaub oder Krankheit heißt: kein Umsatz. Und am Ende wirst du doch wieder am Stundensatz gemessen.

In dieser Episode ist etwas passiert, das ich so nicht geplant hatte.

Ich war in einem anderen Podcast zum Interview eingeladen. Der Host, Alex, hat dann gesagt: „Wir machen jetzt nicht gemütlich. Wir bauen live einen Productized Service. Spontan. Und du weißt vorher nicht, worum es geht.“

Challenge accepted.

Und dann kam das Thema, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte: Ein professioneller Weihnachtsmann.

Klingt nach Spielerei. Ist es aber nicht.

Gerade weil es so weit weg ist von Ingenieurbüro, IT-Beratung oder Steuerkanzlei, sieht man im Beispiel brutal klar, was einen Productized Service ausmacht. Und warum er dich aus dem Zeit-gegen-Geld-Modell rauszieht.

Warum dieses Beispiel so gut funktioniert

Der Weihnachtsmann im Interview hat ein Problem, das du in anderer Verpackung vermutlich auch hast.

Er hat nur eine kurze Saison, in der er das meiste Geld verdienen muss. Alle wollen ihn in denselben wenigen Tagen. Wenn er die Preise hochzieht, kippt die Stimmung. Und wenn er mehr annimmt, geht es nur über mehr Stunden.

Das ist Zeit-gegen-Geld in Reinform.

Und jetzt kommt der Punkt: Der Weg raus ist nicht „mehr Marketing“ oder „mehr Reichweite“. Der Weg raus ist ein Angebot, das wiederholbar ein großes Problem löst. Mit klaren Spielregeln. Und mit einem Prozess, der nicht jedes Mal neu erfunden werden muss.

Ich arbeite dabei immer mit einem einfachen Ablauf:

  1. Reduzieren
  2. Fokussieren
  3. Systematisieren
  4. Skalieren

Das ist kein theoretisches Modell. Das ist exakt das, was ich mir 2010 in meinem Ingenieurbüro gewünscht hätte.

Schritt 1: Reduzieren. Nicht alles eignet sich.

Wenn du feststeckst, hast du meistens nicht zu wenig Möglichkeiten, sondern zu viele.

Der Weihnachtsmann hat zum Beispiel mehrere „Angebote“ im Bauchladen:

  • Feriencamps und Freizeitparks außerhalb der Saison
  • Kaufhaus, öffentliche Events
  • Privatbesuche bei Familien

Die erste Frage beim Reduzieren ist immer: Was davon ist überhaupt profitabel?

Und zwar ehrlich. Nicht „macht Spaß“, nicht „kriege ich irgendwie hin“, sondern: Was bleibt übrig, wenn du Anfahrt, Rüstzeit, Vorbereitung, Nachbereitung und den ganzen Kleinkram mitrechnest?

Das ist unbequem. Aber wenn du eine unprofitable Dienstleistung in einen Productized Service umbaust, hast du am Ende einen unprofitablen Productized Service. Da hat keiner gewonnen.

Im Gespräch kristallisiert sich zunächst das Familiensetting als „Rohdiamant“ heraus. Nicht, weil es das einzig Richtige ist, sondern weil es eine klare Richtung gibt.

Schritt 2: Fokussieren. Wer hat mein Geld?

Im zweiten Schritt wird es spannend, weil hier die meisten Freiberufler schon stolpern.

Du willst ein „breites Angebot“ machen, damit du niemanden ausschließt. Das Ergebnis ist meistens: Du hast zwar viele Anfragen, aber keine Position.

Beim Fokussieren stelle ich eine Frage, die fast immer weiterhilft:

Wer hat mein Geld?

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Wenn du als Weihnachtsmann im B2C unterwegs bist, gelten andere Spielregeln. Für mich ist B2B die Welt, in der ich mich auskenne. Also drehen wir das Setting so, dass es wieder B2B wird, ohne die Logik zu verlieren.

Statt „Familie zuhause“ wird es:

  • Firmen-Weihnachtsfeier
  • Auftraggeber: Geschäftsführer oder Geschäftsführerin (oft in einer Größe, wo nicht einfach eine Eventagentur alles übernimmt)

Jetzt haben wir eine konkrete Person.

Und ein konkretes Problem, das mehr ist als „Unterhaltung“.

Ja, ein Weihnachtsmann soll unterhalten. Aber im B2B steckt dahinter etwas anderes:

  • Der Auftraggeber will gut dastehen.
  • Die Mitarbeiter sollen sich wertgeschätzt fühlen.
  • Und der Engpass ist fast immer: Zeit.

Der Geschäftsführer will am liebsten anrufen, Termin festlegen, auflegen. Und am Abend selbst kurz auf die Bühne, ankündigen, glänzen.

Wenn du das liest und denkst: „Das ist bei meinen Kunden genauso“, dann bist du gerade an der richtigen Stelle.

Schritt 3: Systematisieren. Der Wertstrom ist mehr als die Leistung.

Viele glauben, ein Productized Service sei einfach „eine Leistung in Paketen“.

In der Praxis ist es ein Wertstrom. Und der besteht nicht nur aus der Ausführung.

Du hast:

  • einen Sales-Prozess (vom ersten Kontakt bis zur Buchung und idealerweise Vorkasse)
  • einen Service-Prozess (die Lieferung)
  • ein Follow-up

Und gerade im Service-Prozess steckt das, was dich vom Wald-und-Wiesen-Wettbewerb trennt.

Im Weihnachtsmann-Beispiel wird das sehr greifbar.

Der Auftraggeber will nicht noch zehn Mails schreiben, drei Optionen abwägen und im Stress Entscheidungen treffen, die er gar nicht treffen kann.

Die meisten Entertainer machen genau das: Sie fragen den Kunden, was er denn möchte. Der Kunde hat aber keine Ahnung.

Ein professioneller Productized Service nimmt ihm diese Entscheidungen ab.

Das Herzstück: Entlastung durch klare Spielregeln

Wir bauen den Ablauf so, dass der Kunde wenig Aufwand hat und du trotzdem liefern kannst.

Beispielhafte Systematisierung im Gespräch:

  1. Ein Ansprechpartner (z. B. Assistenz) statt Chaos über 20 Personen.
  2. Ein vorgefertigtes Formular (mit Ausfüllhilfe), in das die Infos zu den Mitarbeitern eingetragen werden.
  3. Spielregeln für fehlende Infos.

Das klingt unspektakulär. Ist aber Gold.

Denn in der Realität passiert immer das Gleiche: Bei 20 Mitarbeitern fehlen Infos zu zwei.

Wenn du dafür keinen Prozess hast, stehst du da und improvisierst. Und plötzlich frisst dir der Auftrag den Kopf weg.

Mit Spielregeln ist es klar:

  • Alle Mitarbeiter müssen gelistet sein.
  • Wenn zu einzelnen Personen nichts kommt, gibt es einen generischen, aber professionellen Text.
  • Keine Rückmeldung bedeutet: Prozess läuft weiter.

Ich habe das in meinem Ingenieurbüro ähnlich gemacht, als ich „Lastenheft in zwei Wochen“ als Productized Service angeboten habe.

Wir hatten drei Spielregeln:

  • Wenn ich da bin, wird zugehört.
  • Keine Rückmeldung ist Zustimmung.
  • Die Zeit tickt.

Genau diese Klarheit macht einen Productized Service lieferfähig.

Zusatznutzen, der den Burggraben baut

Dann kam im Gespräch ein Punkt, der mir besonders gefällt, weil er zeigt, wie du dich absetzt.

Es reicht nicht zu sagen: „Full Service“.

Full Service ist nur dann etwas wert, wenn er wirklich Entlastung bringt.

Deshalb die Idee: Der Weihnachtsmann kann optional auch die Geschenke mitbringen.

  • Standard: Jeder bekommt etwas Generisches.
  • Premium: Budget pro Person, der Weihnachtsmann beschafft.
  • Ultra-Premium: Wirklich personalisierte Auswahl.

Der Geschäftsführer muss dann nur einmal entscheiden: Budget ja oder nein.

Und am Abend sieht er aus wie der Held, der sich „so viele Gedanken“ gemacht hat.

Das Prinzip dahinter ist 1:1 übertragbar.

Du baust Zusatzleistungen nicht als „mehr Arbeit“ oben drauf, sondern als Prozessbaustein, der dem Kunden Zeit und Entscheidungen abnimmt.

Schritt 4: Skalieren. Nicht als Fantasie, sondern als Konsequenz.

Skalieren heißt nicht automatisch „Onlinekurs“.

Skalieren heißt: Du hast ein Angebot, das so klar definiert ist, dass du es wiederholt liefern kannst.

Im Weihnachtsmann-Beispiel tauchen typische Skalierungshebel auf:

  • klarer Radius (z. B. nur 200 km)
  • Standard-Ablauf für den Auftritt (immer gleich, unabhängig vom Kunden)
  • Checklisten für Vorbereitung (damit nichts schiefgeht)
  • Zeit-Slots und Regeln (wenn das Programm vorher überzieht, wird nicht hinten drangehängt)

Das ist nicht Glamour. Das ist Handwerk.

Und genau dieses Handwerk sorgt dafür, dass du nicht jedes Mal individuell „jedem Kunden die individuelle Locke“ machen musst.

Der wichtigste Teil, den viele unterschätzen: Sales-Prozess

Im Gespräch kommen wir später auf etwas, das ich bei fast jedem Freiberufler sehe.

Der Sales-Prozess ist nicht nur „Anfrage beantworten“.

Er hat zwei Aufgaben:

  1. Er filtert Kunden raus, die dir später den Prozess strubelig machen.
  2. Er ist unbezahlt, also muss er so gebaut sein, dass er dich nicht auffrisst.

Ich habe es früher gehasst, für Erstgespräche zwei Stunden zu fahren, ein Angebot zu schreiben, Wochen zu warten, noch ein Update zu schicken, und am Ende kommt nichts.

Ein Productized Service braucht deshalb einen Sales-Prozess, der wie eine Perlenkette funktioniert: Schritt für Schritt, mit klaren Abbruchpunkten.

Nicht, um Leute zu manipulieren, sondern um dich und deinen Prozess zu schützen.

Was du dir aus der Weihnachtsmann-Story mitnehmen solltest

Wenn du heute im Stundengeschäft festhängst, ist dein Problem selten „zu wenig Expertise“.

Dein Problem ist, dass dein Angebot so gebaut ist, dass es ohne dich nicht existiert.

Der Productized-Service-Weg ist der Gegenentwurf:

  • weniger Bauchladen
  • ein klarer Kundentyp
  • ein konkretes Problem
  • ein standardisierter Prozess mit Spielregeln
  • ein Sales-Prozess, der filtert und dich entlastet

Und wenn sogar ein Weihnachtsmann damit aus dem Saison-Hamsterrad rauskommt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch bei dir funktioniert.

Nächster Schritt

Wenn du gerade beim Lesen gemerkt hast: „Ich mache es genau falschrum. Ich denke erst an die Lösung und suche dann den Kunden“, dann ist das ein gutes Zeichen.

Der nächste Schritt ist nicht, dein komplettes Business umzuwerfen.

Der nächste Schritt ist, eine Sache sauber zu definieren: Was ist der Rohdiamant in deinem Bauchladen, der sich wirklich als Productized Service eignet?

Wenn du das klar hast, gehen die nächsten Schritte plötzlich viel leichter.

Digitale Geschäftsmodelle für Freiberufler – Was funktioniert wirklich und was ist Bullshit?

Stell dir vor, du hast dir über Jahre etwas Seltenes aufgebaut. Einen Markt, in dem du fast allein unterwegs bist. Deine Kunden kennen dich, sie zahlen deinen Preis ohne Diskussion, und wenn du lieferst, sind sie glücklich. Ein blauer Ozean, ganz für dich.

Und dann kommt jemand und sagt dir: „Mach doch einen Online-Kurs aus deiner Expertise. Das skaliert. Das ist doch viel genialer.“

Klingt logisch. Klingt nach dem nächsten Schritt. Ich habe genau das gemacht. Und ich habe damit mein Ingenieurbüro, meinen schön aufgebauten Productized Service, fast geschrottet.

Der Rat, den dir alle geben. Und warum er dich in die Falle lockt

Ich hatte 2015 aus meiner Dienstleistung ein Produkt gemacht. Ein Lastenheft in zwei Wochen, festes Ergebnis, fester Preis. Kunden zahlten dafür 12.500 bis 25.000 Euro, und ich hatte auf meiner Seite maximal 30 Stunden Aufwand. Das lief.

Trotzdem war ich damals noch auf der Suche und habe viel ausprobiert. Wer sich mit Online-Business beschäftigt, stolpert schnell über die Schlangenölverkäufer im Netz. In Deutschland ist das schon heftig, in den USA um den Faktor 10 heftiger. Und die erzählen dir alle dasselbe: mach einen Online-Kurs draus.

Also dachte ich: Meine Kunden zahlen eine Stange Geld. Wenn ich mein „Sternekochrezept“ als Online-Kurs verpacke, können ihre Leute das doch einfach nach meinem Vorgehen selbst machen. Gesagt, getan, gebaut, gelauncht.

Und dann kam der Fehler ans Licht.

Die versteckten Kosten: Du wechselst nicht das Format, du wechselst den Zielkunden

Ich hatte eine Sache nicht auf dem Radar.

Mein Zielkunde für das Lastenheft ist der Entwicklungsleiter. Der Head of R&D. Der Abteilungsleiter, der für die Produktentwicklung verantwortlich ist. Der hat ein Problem, keine Zeit und keine Lust, es selbst zu lösen. Er nimmt seine Kreditkarte und sagt: „Pfingsten macht das in zwei Wochen für 25.000, fertig, weiter geht’s.“ Was dieser Kunde ausdrücklich nicht will, ist es selbst zu lernen.

Ein Online-Kurs verkauft aber genau das: selbst lernen.

Ich lief also mit meinem „Lastenheft in zwei Wochen“-Kurs los, und der Entwicklungsleiter sagte: „Klingt gut, aber da musst du mit unserer Personalabteilung reden. Die kauft Training und Weiterbildung ein.“ Ich zu denen hin, und die Personaler sagten: „Ingenieurbüro Pfingsten? Kennen wir nicht. Wir haben seit Jahrzehnten unsere bewährten Weiterbildungsanbieter. Ein Online-Kurs zu Lastenheften? Braucht keiner.“

Da wurde es mir klar. Aus meinem blauen Ozean mit dem Entwicklungsleiter hatte ich mich mit einer einzigen Produktidee in einen tiefroten Ozean gesetzt. Anderer Zielkunde, andere Abteilung, und dort sitzen viele sehr gut positionierte Trainingsanbieter, die es seit Jahren machen.

Das ist die versteckte Kostenrechnung beim Online-Kurs: Du glaubst, du änderst nur die Verpackung deiner Leistung. In Wahrheit tauschst du deinen Käufer, deine Konkurrenz und deinen ganzen Markt aus. Ich habe diesen Crashtest am eigenen Leib gemacht, damit du ihn nicht machen musst. Mein Rat: Lass es.

Die bessere Frage ist nicht „Wie mache ich einen Kurs draus?“, sondern „Welches digitale Geschäftsmodell passt zu meinem Productized Service, ohne dass ich meinen Zielkunden verliere?“ Dafür gibt es drei erprobte Typen.

Typ 1: Die pure Variante. Job done.

Das ist genau das, was beim Lastenheft passiert. Der Kunde hat keine Lust, keine Zeit, keine Ahnung. Er will das Problem einfach vom Schreibtisch haben und legt die Kreditkarte hin. Typischerweise lieferst du das Ergebnis in zwei bis vier Wochen, übergibst es, und der Kunde ist happy. Viele von uns haben in irgendeiner Form schon so eine pure Variante.

Ein konkretes Beispiel: Jacqueline Daute ist Steuerberaterin und hat in der Mastermind „Mehr Netto vom Brutto“ gebaut. Sie hilft Handwerksbetrieben, ihre Personalkosten zu senken, über eine legale steuerliche Optimierung. Es gibt dafür über 80 verschiedene Möglichkeiten. Der Handwerksmeister hat am Ende weniger Personalkosten, die Gesellen haben mehr Netto in der Tasche. In vier Wochen setzt sie das auf und übergibt das fertige Konzept. Niemand muss den Steuerberater wechseln, der Betrieb setzt es in seiner Personalbuchhaltung einfach um.

Zwei weitere Beispiele derselben Logik: Roland Hartl, Architekt, plant für kleine Produktionsbetriebe, die im Bestand wachsen müssen, weil im Gewerbegebiet keine Fläche mehr frei ist, ein komplettes zukunftssicheres Produktionsgebäude inklusive Kosten. Der Kunde kann sofort zur Bank laufen. Und Rainer Pettek, ehemaliger Elite-Soldat und Bergführer, macht in drei Tagen mit dem C-Level einen Strategie-Workshop, aus dem die Manager mit einer klaren Strategie herausgehen.

Merkmal in allen Fällen: fixes Ergebnis, fixer Zeitraum, fixer Preis. Der Kunde kauft ein Ergebnis, nicht dein Wissen.

Typ 2: Die Mentoring-Variante. Du bist die Versicherung.

Hier begleitest du ein Team beim Kunden als Mentor. Der Kunde stellt das Team zusammen, du führst es. Die Laufzeit liegt meist zwischen drei und zwölf Monaten. Stell dir das wie eine Busreise mit festen Haltestellen vor: von A nach B nach C nach D. Du weißt aus Erfahrung, in welcher Reihenfolge man fahren muss, um das Ergebnis zu erreichen. Kunden, die sich selbst überlassen erst zu D, dann zu B, dann zu E fahren, wundern sich, warum am Ende nichts funktioniert.

Das war mein zweiter Productized Service: virtuelles Mentoring im Systems Engineering. Ich habe Projektteams im Maschinenbau-Mittelstand zwölf Monate begleitet, mit dem klaren Ziel, mich überflüssig zu machen. Nach zwölf Monaten sollten sie allein laufen können. Der Deal: 4.500 Euro pro Monat, Vorkasse, und garantiert war einzig ein fester Call pro Woche.

Rechne das nach: 4.500 Euro im Monat, vier Calls, plus minus eine Stunde. Ein Einkäufer müsste eigentlich einen Herzinfarkt bekommen. Aber niemand hat je so gerechnet, niemand hat es hinterfragt, und alle haben freiwillig mit Vorkasse über zwölf Monate gezahlt. Lange habe ich mich gefragt, warum.

Irgendwann wurde es mir klar: In dieser Variante bin ich ein Versicherungsprodukt. Der Klassiker ist, dass ein Projektteam auf eine „shiny“ neue Methode aufspringt, sie sofort umsetzt und vier bis sechs Wochen später in einer Sackgasse landet. Dann zurück auf den Hauptpfad, Zeitverzug im Projekt. An so einem Verzug hängen schnell sechs- bis siebenstellige Risiken. Wenn ich als Mentor nur ein einziges Mal verhindere, dass sie in so eine Sackgasse abbiegen, hat sich die gesamte Jahressumme gerechnet.

Rainer Grimm hat dasselbe umgesetzt. Er gehört weltweit zu den Top 3 Trainern für die Programmiersprache C++ und hatte das klassische Trainer-Business: gebucht werden, zum Kunden fahren, 20 oder 30 Entwicklern C++ beibringen, von Termin zu Termin düsen. Er hatte keine Lust mehr auf diesen Reisezirkus. In der Mastermind hat er aus seinem Trainingsprogramm in vier Monaten ein Mentoring-Programm für Einsteiger und Fortgeschrittene gemacht. Noch bevor er komplett fertig war, meldete er im Call: der erste Kundenauftrag ist reingeflippt.

Typ 3: Die Membership-Variante. Du stellst die Gruppe zusammen.

Die Membership sieht dem Mentoring ähnlich, mit einem entscheidenden Unterschied. Beim Mentoring stellt der Kunde die Gruppe zusammen. Bei der Membership stellst du sie zusammen, aus Gleichgesinnten, die gemeinsam auf einer Reise sind. Laufzeit typischerweise zwölf Monate oder deutlich länger, mit Roadmap und Community.

Meine Productized Service Mastermind ist selbst genau so eine Membership. Als ich sie aufgebaut hatte, sah mein Unternehmerfreund Bernd Gerob das und sagte: „Das will ich auch haben.“ Daraus wurde das Leadership Intensive, dasselbe Modell, aber für KMU-Geschäftsführer zum Thema Leadership. Läuft bis heute extrem erfolgreich.

Ein zweites Beispiel ist Benedikt Stentrup. Er hat vor zehn Jahren den Handwerksbetrieb seines Vaters übernommen und auf 95 Mitarbeiter aufgebaut. Über seinen Podcast „Nachfolge schmieden“ kamen immer mehr Nachfolgerinnen und Nachfolger auf ihn zu, die einen geschützten Raum suchten. Denn diese Fragen kannst du nicht dem Vater stellen, der übergeben will. Und Freunde oder Familie, die alle verbeamtete Lehrer sind, verstehen gar nicht, was ein Unternehmer da durchmacht. Daraus ist der Nachfolgeschmiede Circle entstanden, eine Membership genau für diese Gruppe.

Der eigentliche Hebel: Stacken statt Produkttreppe

Die drei Typen sind kein Entweder-oder. Du kannst sie aneinanderstecken. Das nenne ich stacken.

Der Unterschied zur klassischen Produkttreppe ist wichtig. Bei der Produkttreppe baut ein kleines Angebot auf das nächstgrößere auf, bis zum High-End-Angebot. Das ist nicht falsch und hilft, die Gedanken zu ordnen. Beim Stacken gehst du anders vor: Du löst mit der puren Variante einen Engpass deines Kunden extrem hochwertig. Der Kunde ist geflasht. Und in dem Moment, in dem ein Problem gelöst ist, taucht der nächste Engpass auf. Genau dort setzt du den nächsten Productized Service. Du folgst der Kundenreise, nicht einer Preisleiter.

Nathalie Faure, Diplomkauffrau, bringt seit über zehn Jahren Kindergartenfinanzen wieder auf gesunde Beine. Ihr erster Service ist die pure Variante: Sie installiert ein Finanzplanungs- und Controlling-System, mit dem der Kindergarten danach allein laufen kann. Dann steckt sie die Mentoring-Variante dahinter. Denn in Kindergärten sitzen ehrenamtliche Eltern im Vorstand, und der wechselt regelmäßig. In zwei bis drei Stunden bringt sie den neuen Vorstand auf Stand. Ändert sich die Fördergesetzgebung, liefert sie ein Update. Und im Backend schaut sie mit, ob alle Zahlen im grünen Bereich sind, und meldet sich frühzeitig, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Das haben wir als Abo gebaut, unter dem Namen „Peace of Mind“. Die Kindergärten buchen das Mentoring sofort mit, weil sie für immer Ruhe im Kopf haben wollen.

Noch weiter geht Robert Richter, Diplomingenieur aus der Luftfahrt, früher beim Luftfahrtbundesamt. Wenn ein kleiner Wartungsbetrieb eine Red Notice bekommt, hat er drei Monate Zeit, das Problem zu lösen, sonst wird die Zulassung entzogen, was faktisch die Insolvenz bedeutet. Robert stellt in drei Monaten alles so auf, dass sie die Rezertifizierung garantiert bestehen. Das ist die pure Variante. Danach begleitet er die neue QM-verantwortliche Person zwölf Monate als Mentor in ihre Rolle. Das ist die Mentoring-Variante. Und für die Zeit danach hat er einen dritten Service gebaut: ein Abo mit Microservices, die die Kunden je nach Bedarf abrufen, ebenfalls im Peace-of-Mind-Gedanken. Drei aneinandergesteckte Services, jeder löst einen echten Engpass an genau der Stelle der Kundenreise, an der er auftaucht.

Dein nächster Schritt

Wenn du eines aus meiner Online-Kurs-Bauchlandung mitnimmst, dann das: Frag bei jeder Skalierungsidee zuerst, ob du deinen Zielkunden behältst oder heimlich einen neuen aufmachst. Der Online-Kurs sieht wie eine Abkürzung aus und ist in Wahrheit ein Umzug in einen roten Ozean.

Nimm dir deinen bestehenden Productized Service und schau ihn dir entlang der Kundenreise an. Welchen ersten Engpass löst du mit einer puren Variante? Welcher Engpass kommt direkt danach, und passt dort ein Mentoring? Und gibt es eine Gruppe Gleichgesinnter, für die eine Membership Sinn ergibt? Schreib die drei Engpässe auf und ordne jedem einen der drei Typen zu. Das ist der Anfang deines eigenen gestackten Geschäftsmodells.

Value Pricing: Was ist der richtige Preis für deine Dienstleistung?

Als ich 2005 mit meinem Ingenieurbüro in die Selbstständigkeit gestartet bin, war ich über Jahre einfach nur frustriert. Andauernd Diskussionen mit dem Kunden über den Stundensatz. „Herr Pfingsten, können Sie da nicht noch einen Euro runtergehen?“ Manchmal kam ich mir vor wie in Marrakesch auf dem Jahrmarkt.

Und das Schlimmste: Wenn so ein Einkäufer meinte, mein Stundensatz sei zu teuer, fühlte ich mich persönlich angegriffen. Ich hatte das Gefühl, dass sie den Wert meiner Leistung mit mir diskutieren.

Waren wir dann durch die Tür und hatten den Auftrag, ging das gleiche Theater bei der Abrechnung wieder los. „Warum stehen da so viele Stunden auf dem Stundenzettel?“

Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr. Ich war durch. Und ich dachte mir: Das muss doch anders gehen. Es muss doch einen Weg geben, ein Preisschild an meine Dienstleistung zu hängen, ohne diesen ganzen Zirkus mit den Stundensätzen.

Das Problem: Wir sitzen im Marmeladenglas

Meine ersten Gehversuche mit einem anderen Modell habe ich 2012 und 2013 gemacht. Und ich habe schnell gemerkt: Das funktioniert.

Das eigentliche Problem ist nämlich nicht der Kunde. Das Problem ist, dass wir im Marmeladenglas sitzen und von innen aufs Etikett gucken. Aus dieser Perspektive fällt es dir wahnsinnig schwer, überhaupt zu ermitteln, was der richtige Preis für deine Dienstleistung ist. Und vor allem: wie du für den Wert deiner Leistung bezahlt wirst und nicht für deine Zeit.

Der Moment, in dem es Klick gemacht hat

Ich erinnere mich noch genau an den Sommer 2015. Ich hatte aus meiner Dienstleistung (der Erstellung von Lastenheften) ein Produkt gemacht, systematisiert, wie ein Sternekoch-Rezept.

Nach einem Erstgespräch saß ich vor meinem Rechner, hatte Angebot und Rechnung geschrieben und die E-Mail fertig. Und dann habe ich eine Viertelstunde lang auf den Sende-Button gestarrt. Eine Viertelstunde.

Ich dachte: Das kann doch nicht sein. Innerhalb von zwei Wochen verdiene ich jetzt 25.000 Euro für rund 30 Stunden Aufwand auf meiner Seite. Das ist doch crazy.

Irgendwann bin ich durch Zufall mit der Stirn Richtung Monitor gefallen und habe auf Senden gedrückt. Eine Stunde später kam die Mail zurück: „Hey Mike, alles klar, super, Geld ist schon überwiesen.“

Ich war baff. Und gleichzeitig war mir eines völlig klar: Das ist der Weg.

KI macht aus einem Problem eine akute Gefahr

Seit 2017 begleite ich Freiberufler in der Productized-Service-Mastermind. Überall zeigt sich dasselbe Muster: Value Pricing funktioniert. Und über die Jahre wurde mein Gefühl immer stärker: Dieses Zeit-gegen-Geld-Modell, dieses goldene Hamsterrad, ist einfach kaputt.

Wie kaputt, hat mir im Sommer 2025 ein Wirtschaftsprüfer gezeigt.

Ich war über meinen Kontakt Philipp Penkalski in einem DATEV Innovation Circle zum Thema Value Pricing eingeladen. Nach der Session kam ein Wirtschaftsprüfer auf mich zu und erzählte mir eine Geschichte, bei der ich dachte: Wow, das ist krass.

Er hat eine kleine, feine Wirtschaftsprüfungs-Boutique, zehn Angestellte, seit über 20 Jahren am Markt. Einer seiner Schwerpunkte: die Bewertung von Startups, wenn ein Konzern sie kauft und integrieren will oder andersrum, wenn aus einer Abteilung eine eigenständige Tochtergesellschaft werden soll.

Jedes Mal, wenn so ein Schritt ansteht, muss eine Wirtschaftsprüfungskanzlei ran. Das war sein Brot-und-Butter-Geschäft, seit Jahrzehnten. Der Klassiker: drei Tage, acht Stunden, 250 Euro. Angebot raus, der Einkauf bestellt, wann geht’s los.

Bis eines Tages die Rückmeldung kam: „Wir müssen mal reden.“

Der Einkäufer saß vor ihm und sagte sinngemäß: „Sie arbeiten doch mittlerweile mit KI. Wir geben Ihnen die Bilanzen und Zahlen, Sie werfen das in Ihre KI, nach zehn Minuten kommt ein Ergebnis raus. Fairerweise guckt vielleicht noch zwei Stunden ein Senior drüber, ob alles stimmt. Aber ich sehe nicht mehr ein, dass ich Ihnen drei Tage à acht Stunden bezahle.“

Und die Pointe: Hätte der Wirtschaftsprüfer geantwortet, er nutze keine KI, hätte der Einkäufer gesagt: „Mit so einem rückständigen Lieferanten wollen wir auch nicht zusammenarbeiten.“

Man merkte richtig, wie ihn das innerlich packte. Er sagte: „Ich kriege das nicht kompensiert. Wie viele Aufträge soll ich denn jetzt reinholen, nur um den Umsatz auszugleichen?“

Genau hier liegt die Gefahr: KI zerstört endgültig das Zeit-gegen-Geld-Modell. Es war schon lange angeschlagen. Jetzt ist es richtig kaputt.

Aus meiner Erfahrung, im eigenen Ingenieurbüro und in der Mastermind, gibt es eine Lösung: ein Productized Service mit einem wertbasierten Preisschild.

Drei Wege, einen Preis zu machen am Beispiel einer Gärtnerei

Stell dir eine kleine, feine Gärtnerei vor, mehrere Mitarbeiter. Kerngeschäft: Gärten von Einfamilienhäusern in Ordnung bringen. Ein Kunde ruft an: „Kommen Sie mal vorbei, sagen Sie mir, was es kostet und wann Sie können.“

Weg 1: Über die Zeit rechnen (der Klassiker)

Du fährst hin, guckst dir Rasen, Büsche und Hecken an und rechnest: drei Leute, acht Stunden, plus Entsorgung vom Grünschnitt. Fertig.

So machen es die allermeisten. Freiberufler genauso wie das Handwerk. Die Schwierigkeit: Du rechnest rein über die Zeit. Über nichts anderes.

Weg 2: Festpreis-Pakete schnüren

Du sagst dir: Das lasse ich sein und mache Pakete. Ein Stück Rasen, ein Stück Hecke, ein Stück Büsche, jeweils zum Festpreis. Kann man machen.

Das Problem: Diese Pakete haben nichts mit dem Ergebnis zu tun. Sie sind nur eine grobe Über-den-Daumen-Schätzung für den Aufwand. Du kannst weder Qualität noch Ergebnis garantieren. Kommt der Kunde und sagt „so wollte ich das nicht“, musst du nacharbeiten und läufst zeitlich aus dem Ruder. Ein riesiges Risiko.

Weg 3: Über den Wert gehen (der pfiffige Weg)

Statt sofort über Rasen und Hecken zu reden, fragst du den Kunden: „Was ist Ihr Wunsch? Warum wollen Sie einen schönen Garten?“

Und dann fängt er an zu erzählen: Er ist ein gut verdienender Manager, hat keine Lust auf Gartenarbeit, will freitagabends einfach nur in einem schönen Garten sitzen. Außerdem denkt er darüber nach, das Haus in zwei, drei Jahren zu verkaufen und dann soll der gepflegte Garten den Wert der Immobilie deutlich steigern. Und ganz nebenbei findet er es cool, wenn die Nachbarn ein bisschen neidisch sind.

Plötzlich bist du auf einer ganz anderen Rille. Du redest nicht mehr über acht Stunden und drei Leute. Du bietest an: „Ich kümmere mich das ganze Jahr kontinuierlich um Ihren Garten. Der Wert, den ich liefere: In zwei, drei Jahren haben Sie einen so genialen Garten, dass er den Verkaufspreis Ihrer Immobilie spürbar erhöht. Und nebenbei sitzen Sie freitags entspannt draußen und ärgern die Nachbarn ein bisschen.“

Das ist ein komplett anderer Denkansatz. Wertbasiert statt zeitbasiert.

Aber was ist konkret der richtige Preis? Meine Rechnung Schritt für Schritt

Der wertbasierte Ansatz klingt gut aber wie kommst du auf eine konkrete Zahl? Das habe ich am meisten gefragt bekommen. Deshalb zeige ich dir hier genau, wie ich das mit meinem Lastenheft im Ingenieurbüro gerechnet habe.

Der Kunde ruft an: „Herr Pfingsten, wir brauchen ein Lastenheft. Was kostet das?“ Normalerweise müssten sie mir mehr über ihr Projekt erzählen. Aber die Inhalte sind oft hochgeheim und ich habe unzählige Geheimhaltungserklärungen im Keller. Also mache ich es anders.

Schritt 1: Das Projektbudget erfragen.
„Wie groß ist euer Projektbudget?“ Meist druckst der Kunde erst herum. Dann werfe ich eine Zahl in den Raum: 5 Millionen Euro. Die Zahl selbst ist austauschbar. Häng eine Null dran oder streich eine weg, die Mathematik dahinter bleibt gleich.

Diese Frage verrät mir gleich, ob der Kunde überhaupt passt: Bekommt er bei 5 Millionen große Augen, ist das Projekt zu klein für mich. Nickt er gelangweilt, weil er in 50- oder 100-Millionen-Dimensionen denkt, sind das die Großprojekte, auf die ich keine Lust mehr habe. 5 Millionen ist meine ideale Projektgröße.

Schritt 2: Das Risikobudget herleiten.
Risikomanagement ist Grundhandwerk im Projektmanagement. Die zentrale Frage: Wie hoch ist das Risiko, dass das Projekt scheitert? Studien sagen seit Jahrzehnten unisono: rund 30 Prozent.

30 Prozent, also ein Drittel von 5 Millionen Euro, ergibt 1,5 Millionen Euro Risikobudget. Das müsstest du eigentlich on top zurücklegen, am besten in einen Tresor in der Schweiz. Wenn es im Projekt brennt, machst du den Tresor auf und holst die Feuerwehr.

Schritt 3: Den Wertbeitrag des Lastenhefts bestimmen.
Man kann dieses Risiko im Vorfeld senken. Dafür gibt es drei klassische Maßnahmen: einen top-erfahrenen Projektleiter einsetzen, ein top-erfahrenes Team dransetzen oder die Wünsche und Anforderungen sauber in einem Dokument zusammenschreiben. Das nennt man Lastenheft.

Rechnen wir einfach: ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel. Ein Drittel der Risikoreduktion kommt vom Lastenheft. Ein Drittel von 1,5 Millionen Euro sind 500.000 Euro. Das ist der Wert des Lastenhefts.

Spätestens hier hatte ich sie. Niemand hatte ihnen je vorgerechnet, was dieses Stück Papier wert ist.

Schritt 4: Meinen Anteil am Wert aufteilen.
Der Inhalt kommt vom Kunden, ich bin der Methodiker, der daraus ein professionelles, freigegebenes Dokument macht. Aufteilung 80/20: 80 Prozent des Wertbeitrags kommen vom Kunden, 20 Prozent von mir. 20 Prozent von 500.000 Euro sind 100.000 Euro.

Schritt 5: Auf die Lieferung herunterbrechen.
So ein Projekt läuft über anderthalb Jahre, mit drei bis fünf Ständen des Lastenhefts. Also teile ich die 100.000 Euro durch fünf. Ergebnis: 20.000 Euro. Das ist der Preis.

Und dann gucken mich die Leute an und sagen: „Alles klar, schicken Sie das Angebot, wir bestellen.“ Ich war raus aus jeder Zeitdiskussion, weil ich herleiten konnte, was das Lastenheft wert ist, was mein Wertbeitrag ist und woraus sich der wertbasierte Preis ergibt.

Was du daraus mitnehmen kannst

Solange du deine Leistung über die Zeit verkaufst, diskutierst du über Stunden statt über Wert und jetzt sitzt dir die KI im Nacken, die diese Stunden radikal wegrationalisiert. Der Ausweg ist kein Trick, sondern eine andere Haltung:

  • Frag nach dem Wunsch, nicht nach der Aufgabe. Der Wert entsteht in dem, was der Kunde wirklich erreichen will.
  • Rechne den Wert vor. Wenn du herleiten kannst, was dein Ergebnis wert ist, wird der Preis zur logischen Folge und nicht zur Verhandlungsmasse.
  • Verpacke deine Leistung als Produkt. Ein Productized Service mit wertbasiertem Preisschild macht dich unabhängig vom Stundenzettel.

Das Zeit-gegen-Geld-Modell ist kaputt. Die gute Nachricht: Es gibt einen besseren Weg. Und du kannst ihn ab dem nächsten Kundengespräch gehen.

Wie ich aus meiner Ingenieurleistung ein Produkt gemacht habe

Es gibt diesen einen Tag im März 2015, der mein Business verändert hat. Und das Verrückte daran: Er war überhaupt nicht geplant.

Ein Kunde saß im ICE zwischen Osnabrück und Köln fest, der Zug blieb liegen, der Workshop fiel aus. Ich stand in einem fertig vorbereiteten Workshopraum und wusste nichts mit dem Tag anzufangen. Also habe ich das gemacht, was ich eigentlich für meinen Kunden geplant hatte für mein eigenes Ingenieurbüro. Am Abend hatte ich meinen ersten Productized Service.

Zwei Jahre später sagte mir mein Steuerberater, ich müsse 40.000 Euro Steuern nachzahlen. Da wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, was da eigentlich passiert war.

Das goldene Hamsterrad

Ich bin zwischen Kohle und Stahl im Ruhrpott geboren, und eine Sache habe ich früh gelernt: Der Maik und die Stechuhr passen nicht zusammen. Künstler war mir nicht gegeben, also dachte ich, dann wird es wohl Unternehmer. Um ein Unternehmen zu gründen, müsse man ja etwas Gescheites lernen, also habe ich Ingenieurwesen studiert.

Im Studium gab es die klassischen Gründerplanspiele. Das Muster war immer dasselbe: Hol dir VC-Geld, stell 15 Mitarbeiter ein, verbrenn das Geld, mach den Laden groß und verkauf. Und wenn ich sagte, ich will lieber ein Ingenieurbüro gründen, kam reflexartig: „Dann musst du eben auf Tages- oder Stundensätzen abrechnen.“

Genau das habe ich dann gemacht. 2005 selbstständig, Troubleshooter für große internationale Projekte, parallel ein Ingenieurbüro aufgebaut und am Ende mit 15 Mitarbeitern. Nach der Auto- und Wirtschaftskrise 2008 kam 2009 ein fetter Gesellschafterkrach auf der Werteebene. Einer meiner Mitgesellschafter stand vor mir und sagte, ich solle mit meiner Frau reden, ob sie meine Vaterrolle für anderthalb Jahre übernehmen könne, damit ich noch mehr Zeit fürs Geschäft habe. Ich wusste zu dem Zeitpunkt seit vier Wochen, dass unser zweites Kind unterwegs war.

Das war nicht meine Vorstellung von Familie und Unternehmertum.

2010 stand ich frustriert auf dem Rheindamm im Kölner Süden und merkte: Ich hatte mir ein absolut goldenes Zeit-gegen-Geld-Hamsterrad gebaut. Erst rennst du hinter den Angeboten her, dann hinter den Mitarbeitern, dann hinter den Rechnungen, dann hinter dem Mitgesellschafter, der Nebelkerzen wirft. Und irgendwann kam die große Frage: Warum habe ich mich 2005 eigentlich selbstständig gemacht?

Die Antwort war klar: Freiheit. Selbstbestimmt in meiner Profession arbeiten. Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Aber eben ohne auf mein sechsstelliges Einkommen zu verzichten.

Der Blick über den Atlantik und die Enttäuschung

Also schaute ich, was die Amerikaner machen, die sind uns ja angeblich immer voraus. Das Erste, was ich dort lernen musste, war, Schlangenölverkäufer zu erkennen. „Dreifacher Umsatz in sechs Wochen“, „100k im Monat“, „vom Konzernjob zu 30.000 im Monat in unter zwölf Monaten“. Das ist drüben Faktor 10 schlimmer als hier.

Ich fand aber auch seriöse Online-Unternehmer. Und als ich denen erklärte, dass ich mein B2B-Ingenieurbüro über das Internet ausliefern will, guckten die mich entgeistert an: „Davon haben wir keine Ahnung.“

Da wurde mir klar: Die USA sind stark im B2C. E-Books von der Webseite, Dropshipping, Yoga-Online-Kurse. Ich hatte zwei Probleme. Erstens: Ich musste allein durch dieses unbekannte Land. Zweitens: Ich musste alles adaptieren. Von B2C auf B2B und von der US-Kultur auf Europa.

Ein Buch und ein Begriff

2012 bin ich in die Wundertüte Podcasting gestolpert und habe angefangen, meine unternehmerische Reise zu dokumentieren. In der Zeit las ich „The Automatic Customer“ von John Warrillow. Es geht um Subscription-Modelle und welche davon im B2B funktionieren.

Und dort lief mir zum ersten Mal ein Begriff über den Weg. Berater und Expertinnen fragten sich: „Ich bin doch kein Software-Unternehmen, wie mache ich das mit meiner Dienstleistung?“ Aus „Service as a Product“ wurde Productized Service, die produktisierte Dienstleistung. Im Deutschen lässt sich das nicht sauber übersetzen, aber die Idee saß sofort.

Der Tag, an dem der ICE liegen blieb

Im Januar 2015 meldete sich ein Hörer, Burkhard Benzmann. Er wollte aus seiner Dienstleistung ein Produkt machen und suchte einen Mentor. Wir vereinbarten zwei Workshop-Tage plus drei Monate virtuelles Mentoring. Der Ablauf:

  • Tag 1: Reduzieren und Fokussieren. Wo sind die Rohdiamanten im bunten Blumenstrauß seiner Leistungen? Welcher davon eignet sich als Kandidat? Und dann feinschleifen: Wer ist die Person, was ist der Problemtrigger?
  • Tag 2: Systematisieren und Skalieren. Wie sieht das meisterliche Handwerk aus, das Sternekochrezept? Und dann: wertbasiertes Preisschild, Spielregeln, Angebotsstruktur.

Zwischen den Tagen lagen drei Wochen. Dann kam der Anruf: ICE liegen geblieben, Köln heute nicht mehr zu schaffen.

Ich stand im vorbereiteten Raum und dachte: Was machst du jetzt mit dem Tag? Und dann: Warum nicht mal für das eigene Business?

Reduzieren und Fokussieren ging schnell. Ich fand eine Ingenieurdienstleistung, die Kunden immer wieder von mir wollten: Lastenhefte schreiben. Das ist für ein technisches System (ein Flugzeug, ein Auto, eine Kaffeemaschine) ungefähr das, was ein Bauantrag für ein Gebäude ist.

Ich kannte das Vorgehen im Schlaf: erfassen, sortieren, füllen, prüfen, freigeben. In fünf Schritten, innerhalb von zwei Wochen, ein vollständiges und freigegebenes Dokument auf dem Tisch. Am Abend stand das Bild: Der allernächste Kunde, der ein Lastenheft anfragt, bekommt genau dieses Ding.

Dass ich mir da ein Rennpferd in den Stall gestellt hatte, war mir in dem Moment nicht klar.

Die Zahlen, die alles sagen

Damit du ein Gefühl bekommst, hier die echten Zahlen zu meinem internen Stundensatz:

  • 2005 (Gründung): ca. 4.300 € netto bei rund 150-160 Stunden im Monat → 25,15 €/Stunde. Okay zum Starten.
  • 2010 (Rheindamm, nach Krise und Krach): ca. 4.000 € netto bei 260 Stunden im Monat → 15,38 €/Stunde. Kein guter Move.
  • 2015 (nach dem Productized Service): ca. 8.000 € netto bei rund zweieinhalb Tagen die Woche → 80 €/Stunde.

Das ist der Unterschied zwischen individueller Dienstleistung und Productized Service. Weniger arbeiten, mehr verdienen.

Und das Wichtigste: Ich hatte Zeit. Es gibt ein Foto vom Sommer 2015, Mittwochvormittag, Rittermuseum Dortmund, mit meinem Zweiten. Nach einer Stunde fiel mir auf: Ich war der einzige Vater im ganzen Museum. Da habe ich zum ersten Mal richtig gespürt, was für eine Power hinter diesem Geschäftsmodell steckt.

Das Sternekochrezept

Ich spreche liebevoll vom Sternekochrezept, einem meisterlichen Vorgehen vom Moment der Anfrage bis nach der Lieferung. Es hat drei Teile:

  1. Sales. Ein klarer Ablauf, der vor allem verhindert, dass ich mir die falschen Kunden einfange. Denn wenn ich die Leistung hinten standardisiere, will ich vorne keinen Kunden, der alles wieder strubbelig macht.
  2. Leistungserbringung. Bei mir: erfassen, sortieren, füllen, prüfen, freigeben und in zwei Wochen durch.
  3. Follow-up. Rechnung stellen sollte man auf jeden Fall. Aber danach lässt sich noch viel Spannendes anstellen.

Für den Kunden bedeutet das: Er kauft ein Ergebnis. Wir stiften einen extrem hohen Nutzen. Daraus ergibt sich ein wertbasierter Festpreis, ein Preisschild wie an einem Produkt. Klare, transparente Vorgehensweise. Garantierte Qualität.

Ich erinnere mich an das erste Gespräch dazu. Der Kunde sagte: „Zwei Wochen? Wenn ich das meinen Ingenieuren gebe, brauchen die sechs Monate.“ Um den letzten Zweifel zu nehmen, bin ich eine Wette eingegangen: 50 % Vorkasse, der Rest nach Lieferung. Und wenn ich es nicht in zwei Wochen vollständig und freigegeben hinbekomme, stelle ich die zweite Rechnung nicht. Antwort: „Wenn er sich das traut, wird er es wohl können.“

Was das für dich als Unternehmer bedeutet

  • Du bist raus aus dem goldenen Zeit-gegen-Geld-Hamsterrad.
  • Du kannst die Zusammenarbeit komplett virtualisieren. Ich habe alle Workshops online gemacht, keinen Reisezirkus mehr. Als im März 2020 der Lockdown kam, war das für mich seit Jahren normales Arbeiten. Der einzige Unterschied war, dass ich nebenbei mit drei Kindern Schule gespielt habe.
  • Du kannst eine echte Marke aufbauen. Ich war damals „Mr. Lastenheft Europa“ und bekam Anfragen aus verschiedensten europäischen Ländern.
  • Du kannst viel einfacher automatisieren. Du kennst dein Vorgehen und siehst genau, an welcher Stelle Automatisierung Sinn ergibt.
  • Und heute kommt ein neuer Mitarbeiter dazu: KI und Agenten. Damit lässt sich noch einmal ganz anders skalieren.

„Aber mein Kunde will doch etwas Individuelles.“ Klar. Ich habe Lastenhefte für die verrücktesten Dinge geschrieben. Für einen Logistik-Quadrocopter im Hamburger Hafen, für eine Fahrkarten-App der Verkehrsgesellschaft Halle, für einen Verkettungsroboter in einer Gießerei. Der Inhalt ist immer individuell. Die Vorgehensweise ist immer gleich. Ich bin der Methodiker. Ich weiß, wie daraus ein professionelles Ergebnis wird.

Drei Beispiele aus der Praxis

Dirk Leitsch, Elektroingenieur. Seine Spezialisierung: CE-Kennzeichnung in Produktionsanlagen von kleinen und mittelständischen Betrieben. Er hat seinen Productized Service auf über 350.000 Euro Umsatz gehoben  und arbeitet nur noch vier Tage die Woche. Sein Ziel bei Gründung: schon im ersten Jahr 40 Tage Urlaub. Erreicht und übertroffen.

Philipp Penkatzky, Steuerberater. Sein Productized Service heißt „German Market Entry, Simplified“. Er hilft internationalen Dienstleistern, einen Standort in Deutschland aufzubauen. GmbH-Gründung, Steuerrecht, Bankkonto, das ganze Drumherum. Schlüsselfertig, damit sie mit einer deutschen GmbH im Angebot beim deutschen Einkauf punkten.

Sarah Böning, Diplom-Betriebswirtin, früher Head of Recruiting bei Porsche Consulting. Dort hatte sie den Auftrag, in einem Jahr über 1.000 Berater einzustellen und geworden sind es rund 1.400 in zwölf Monaten. Ihr Sternekochrezept steckte längst in ihrem Kopf. Heute lautet ihr Productized Service „Recruiting-Fahrplan in vier Wochen“, mit dem Anspruch: Mitarbeiter gewinnen, die auch bleiben.

Und jetzt?

Mitte 2021 habe ich mein Ingenieurbüro mit allem Drum und Dran verkauft. Angefangen hat all das an einem Märztag 2015, an dem ein ICE liegen blieb.

Die große Frage bleibt: Wie hängst du an so einen Productized Service ein schickes Preisschild? Genau darum geht es in der nächsten Episode Value Pricing: Wie du ein Angebot erstellst, das deinem Wert entspricht.

In diesem Sinne: Lach viel und hab viel Spaß, was auch immer du gerade machst.