Wie verändert KI Geschäftsmodelle und Strategien für Solopreneure? Interview mit Anke Lambrecht


Am Mikrofon

avatar
Maik Pfingsten
avatar
Anke Lambrecht

Shownotes

Vor ein paar Wochen habe ich mit Anke Lambrecht Cashflow gespielt, dieses Brettspiel von Robert Kiyosaki, bei dem es um Investieren, Geschäftsmodelle und Unternehmertum geht. Wir haben so viel über KI, Geschäftsmodelle und die Frage „Was ist eigentlich ein Unternehmer?“ diskutiert, dass daraus eine ganze Podcast-Episode wurde. Hier sind die Kernpunkte, kompakt und direkt für dich zum Nachlesen.

Die Zahl, die alles verändert: 4 Millionen

Deutschland hat knapp vier Millionen Selbstständige. Wir erwirtschaften rund 500 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland zählen zu den KMU. Die Kleinen sind die Mehrheit, nicht die Ausnahme.

Trotzdem sprechen die Medien von „der Wirtschaft“ fast ausschließlich mit Blick auf Konzerne ab 250 Mitarbeitenden und 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Wenn dort „0,3 Prozent weniger Gewinn“ gemeldet wird, hat das mit deinem Business als Solopreneur, Handwerksbetrieb oder Ingenieurbüro nichts zu tun. Trotzdem übernehmen wir diese Schlagzeilen 1:1 in unser eigenes Kopfkino. So lähmen wir uns damit selbst.

Die Konsequenz: Ich trenne bewusst zwischen „Wirtschaftsnachrichten über Konzerne“ und „meiner tatsächlichen Marktsituation“. Krise klickt gut, das ist die Motivation hinter vielen Schlagzeilen, nicht die Wahrheit über dein Geschäft.

Krise oder einfach kein Wachstum?

2008 habe ich als Ingenieur eine echte Wirtschaftskrise erlebt: Kunden haben Zahlungen und Aufträge einfach gestoppt, ohne Rücksicht auf offene Rechnungen. Das war Krise. Was wir heute oft „Krise“ nennen, ist meistens: kein Wachstum. Minus 0,3 Prozent hier, plus 0,3 Prozent da, am Ende steht eine Null. Nicht geil, aber auch keine Katastrophe.

99 Prozent der Wirtschaft ist Psychologie. Wenn du als Solopreneur dauernd hörst „alles ist schlecht“, überträgst du das ungefiltert auf dein eigenes Business. Das gilt auch dann, wenn deine Zahlen das gar nicht widerspiegeln. Mein persönlicher Reflex: radikal reduzierter Nachrichtenkonsum, nur noch Wochenzeitungen statt täglichem Newsfeed.

Der Cashflow-Quadrant: Vom Self-Employed zum Business Owner

Kiyosakis Vier-Quadranten-Modell aus dem Cashflow-Spiel bringt einen entscheidenden Unterschied auf den Punkt:

  • Oben links: Angestellte
  • Unten links: Selbstständige / Self-Employed
  • Oben rechts: Business Owner
  • Unten rechts: Investoren

Der feine Unterschied zwischen unten links und oben rechts: Self-Employed tauschen Zeit gegen Geld. Business Owner haben ein System aufgebaut, das auch läuft, wenn sie selbst gerade nicht am Schreibtisch sitzen.

Meine eigene Reise: 2005 selbstständig gemacht, ein Ingenieurbüro mit 15 Mitarbeitenden aufgebaut. Trotzdem war ich die ganze Zeit unten links. Wir haben alle Zeit gegen Geld getauscht, nur mit größerem Rad. Der eigentliche Shift kam erst, als ich meine Dienstleistung in ein System übersetzt habe: Ein Podcast läuft, während ich mit dem Hund spazieren gehe. Das ist der Unterschied.

Freelancer, Freiberufler, Solopreneur, Unternehmer: Begriffe, die verwirren

Ein kleiner Exkurs, der viel Klarheit schafft:

  • Freelancer („freie Lanze“) kommt aus dem Mittelalter. Der König brauchte Söldner für den Krieg.
  • Freiberufler ist ein steuerlicher Begriff: keine Gewerbesteuer, weil kein Gewerbebetrieb.
  • Selbstständig ist der Oberbegriff für alle diese Formen.
  • Solopreneur/Unternehmer ist eine Frage der Identität, nicht der Rechtsform.

Genau hier liegt der Hebel: Die Entscheidung „Ich bin Unternehmerin“ oder „Ich bin Unternehmer“ verschiebt dich gedanklich von unten links nach oben rechts im Quadranten, unabhängig davon, ob du Mitarbeitende hast oder nicht. Es ist kein rechtlicher Status, sondern ein Mindshift.

Identität vs. Geschäftsmodell

Anke Lambrecht macht mit ihren Kunden bewusst zuerst Identitätsarbeit, bevor es um Prozesse oder Geschäftsmodelle geht. Der Grund: Als Solopreneur bist du an einem Tag Entwicklungsabteilung, Vertrieb, Kundenservice und Geschäftsführung in einer Person. Diese Rollen wechseln in Sekunden. Das erzeugt innere Konflikte, wenn dir nicht klar ist, welche Rolle gerade „an der Reihe“ ist.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Eine Kundin arbeitete an ihrer Landingpage und begann plötzlich, ihr fachliches Angebot infrage zu stellen. Die Diagnose: Die „Entwicklungsabteilung“ (Expertise) mischte sich in die Aufgabe des Marketings ein. Zwei völlig unterschiedliche Aufgaben, die im Kopf einer einzigen Person kollidierten.

Tipp: Wenn du merkst, dass du bei einer Aufgabe hakst, frag dich, welche „Abteilung“ in dir gerade eigentlich zuständig wäre. Und lass die anderen kurz Pause machen.

CEO-Zeit: Die Adler-Perspektive einnehmen

Wer ein Unternehmen führt, auch solo, braucht regelmäßig Zeit für Strategie: die „CEO-Zeit“. Das fühlt sich für viele erstmal wie Zeitverschwendung an („Ich tue ja nichts, ich stelle nur Fragen“). Aber genau diese Fragen entscheiden, ob du reaktiv durchs Jahr stolperst oder bewusst steuerst:

  • Ist meine Zielgruppe wirklich so klar, wie ich glaube?
  • Funktioniert mein Vertrieb? Mein Marketing?
  • Wo verändert sich gerade etwas am Markt, und woran erkenne ich das?

Wir sitzen im Marmeladenglas und gucken von hinten aufs Etikett. Wir brauchen jemanden, der von außen draufschaut und sagt: „Guck mal, da steht doch was drauf.“ Genau diese Außenperspektive rettet dir dein Business, bevor der Umsatz einbricht. Ob durch reflektierte Selbstgespräche oder einen guten Sparringspartner spielt dabei keine Rolle.

KI: Werkzeug, nicht Ersatz für strategisches Denken

Ein zentraler Punkt aus dem Gespräch: KI ist unfassbar leistungsfähig. Genau deshalb ist sie eine Versuchung, das anstrengende, energieintensive strategische Denken komplett auszulagern. „Dann soll die KI mal meine Positionierung klar machen.“ Klingt bequem, ist aber gefährlich.

KI ist eine „Nebelkerzenwurfmaschine“: Sie formuliert auch faulen Schrott so überzeugend, dass du denkst, es sei brillant. Das ersetzt nicht dein eigenes, aktives, unternehmerisches Denken. Das bleibt dein Job, egal ob du solo oder mit fünf Mitarbeitenden unterwegs bist.

Auch das „Komm, mach mal, KI“-Muster ist ein Führungsproblem: Wenn du selbst nicht klar bist (gestresst, unausgeschlafen, unentschlossen), kann die KI diese Unklarheit nicht auflösen. Sie verstärkt sie nur mit schön klingenden Antworten. Die Lösung ist dann nicht „KI, mach mal“, sondern: erst selbst wieder klar werden.

Planung, die im Alltag wirklich funktioniert

Klassische Fünf-Jahres-Pläne sind angesichts multipler Krisen und ständigem Wandel kaum noch seriös zu erstellen. Zwei Ansätze, die sich in der Praxis bewährt haben:

  1. Eine Vision, ein Meilenstein, ein Quartal. Definiere deinen „Leuchtturm“ (die große Richtung), dann einen Meilenstein für das Jahr, und breche davon herunter, was in den nächsten 90 Tagen passieren soll. Alles, was keine Verbindung zum Meilenstein hat, ist vielleicht eine schöne Idee, aber gerade nicht deine Priorität.
  2. Die Fokusfrage am Morgen: „Was ist das eine Ding, das ich heute unbedingt erledigen will, das alles andere einfacher oder überflüssig macht?“ Diese Frage täglich zu stellen bringt mehr als jeder perfekte Jahresplan, den niemand nach zwölf Monaten noch kennt.

Und ganz wichtig: Schließe den Loop. Plane nicht nur, reflektiere abends kurz, ob du das Wichtigste geschafft hast. Das ist keine Selbstoptimierung, das ist einfach Führung deines eigenen Unternehmens.

Das Business kann nur so weit wachsen wie du persönlich

Ein Satz aus dem Gespräch, den ich mir aufgeschrieben habe: „Das Business kann nur so weit wachsen, wie wir persönlich wachsen.“ Das gilt für den Umgang mit Geld genauso wie für Vertrieb, Marketing oder Führung. Wer sich vor bestimmten Themen drückt (Vertrieb, Finanzen, Sichtbarkeit), sollte sich ehrlich fragen: Wovor drücke ich mich eigentlich, und warum?

Deshalb ist ein bewusst gewähltes Umfeld so entscheidend: Menschen um dich herum, die dich ehrlich spiegeln und dich auch mal „auf den Topf setzen“, statt gemeinsam in der Opferrunde Tee zu trinken.

Fazit: Wir sind kein Nebenschauplatz

Wir vier Millionen Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmer sind nicht die Fußnote der deutschen Wirtschaft. Wir sind ein zentraler Teil davon, mit 500 Milliarden Euro Umsatz jährlich. Wir haben gegenüber großen Konzernen einen entscheidenden Vorteil: Wir sind wendig, schnell und können Chancen nutzen, für die ein 150 Jahre alter Konzern zu viele Entscheidungsinstanzen braucht.

Die Voraussetzung dafür: dass wir uns selbst als Unternehmerinnen und Unternehmer verstehen, unser System aktiv führen, KI als Werkzeug statt als Ersatz für eigenes Denken nutzen und regelmäßig die Zeit für Strategie einplanen, die wir uns sonst nicht nehmen würden.