Value Investing – in Aktien investieren ohne Geld zu verlieren?

Worum geht es?

Ich räume mit den drei größten Geld-Mythen auf und zeige dir mein Vorgehen aus der Praxis: wie ich gute Unternehmen finde, bewerte und kaufe – nach dem Prinzip don't lose money. Vom meinem Einstieg ins Value Investing. Plus was ich in den letzen sechs Jahren dazugelernt habe.

Im Gespräch

Maik Pfingsten

Value Investing: Wie ich als Unternehmer mein Geld in Aktien anlege – ohne es zu verlieren

In den letzten Episoden habe ich nebenbei immer wieder erwähnt, dass ich als Value-Investor mein Geld in Aktien anlege. Und dann kamen die Rückmeldungen aus der Hörer-Community: „Maik, was ist das eigentlich, dieses Value Investing? Und kannst du nicht mal mehr darüber erzählen, was du da machst?“

Genau das mache ich in diesem Beitrag. Ich zeige dir meinen Ansatz – einen aus meiner Sicht deutlich unternehmerischeren Weg, Geld anzulegen. Und ich nehme dich mit durch genau den Prozess, den ich seit Jahren in der Praxis nutze.

Wichtiger Hinweis vorweg: Das hier ist keine Finanz- und keine Anlageberatung. Mit Aktien kann man richtig viel Bockmist machen. Im Zweifel wendest du dich an einen Finanzprofi. Ich gebe hier ausschließlich meine eigenen Erfahrungen weiter, wie ich als Unternehmer Value Investing praktiziere.


Die drei großen Mythen rund ums Geldanlegen

Bevor es ums Handwerk geht, müssen wir mit drei Dingen aufräumen. Denn die halten die meisten davon ab, überhaupt anzufangen.

Mythos 1: Geldanlage ist kompliziert

„Ich habe keine Ahnung, das ist total kompliziert, das ist etwas für Profis.“ Das höre ich ständig, wenn ich das Thema in meinem Umfeld anspreche. Früher dachte ich genauso.

Warum ist das so? Aus meiner Sicht gibt es drei Gründe:

  • Fehlende Geldbildung. Keiner von uns hat in der Schule jemals gelernt, mit Geld umzugehen. Wir lernen, was Geld ist – das sehe ich gerade bei meinem Drittklässler. Aber das ist keine Geldbildung. Auch das Thema exponentielles Wachstum – ein wesentlicher Faktor hinter Value Investing – machen wir irgendwann mal theoretisch in Mathe, aber wie sich das in der Praxis auswirkt, lernen die wenigsten.
  • Komplizierte Begriffe. Diese ganze Finanzbranche ist keine Rocket Science. Wirklich nicht. Die meisten Sachen sind relativ simpel. Aber damit Liesje Müller und Karl-Heinz Günther nicht auf die Idee kommen, dass sie das eigentlich auch selbst könnten, nutzt die Branche super komplizierte Begriffe. Im Deutschen, im Englischen, teilweise sogar verschiedene Begriffe fürs Gleiche. Einen ganzen Zoo an Fachbegriffen – nur damit keiner merkt, dass dahinter keine Geheimwissenschaft steckt. Ein Burggraben ist das nicht, aber so kann man sich einen bauen und andere fernhalten.
  • Komplexe Anlageformen. Die Branche erschafft ultrakomplexe Produkte, die sie hinterher selbst nicht mehr versteht. Etwas wie ETFs oder Value Investing ist vom Grundgedanken her einfach – und genau das wäre ja „zu leicht zu verkaufen“.

Mythos 2: Aktien sind Zockerei

„Aktien? Das ist was für Spekulanten, viel zu hohes Risiko.“ Auch das höre ich oft. Und ja: Viele Dinge, die mit Aktien gemacht werden – Short Trades und Co. – sind tatsächlich eine Wette. Nur ist das den Leuten oft nicht klar, und deshalb bleibt das Gefühl: hohes Risiko.

Schauen wir uns mal ganz basic an, was Aktien wirklich sind: Anteile an einem Unternehmen. Boom. Ende. Habe ich eine Aktie, bin ich ein Teil des Unternehmens. Das Besondere ist nur: Sie werden öffentlich gehandelt. Ich kann sie unkompliziert kaufen und unkompliziert verkaufen.

Wie wertvoll das ist, merkst du am Gegenbeispiel. Stell dir vor, ich halte 2 % an Dirks Unternehmen – nicht öffentlich gehandelt – und will 1 % davon verkaufen. Dann beginnt der Spaß: Erst hat Dirk laut Gesellschaftervertrag ein Vorkaufsrecht. Sagt er nein, muss ich selbst jemanden finden, der Geld in dieses Geschäft stecken will. Habe ich den – sagen wir Bernd – gefunden, müssen wir einen Kaufpreis verhandeln, der für beide passt. Dann geht es los mit Notar, Eintragung, Änderung, und Dirk muss auch mit rein. Das dauert Monate. Bei einer Aktie ist es exakt derselbe Unternehmensanteil – nur eben öffentlich gehandelt und damit viel, viel einfacher.

Mythos 3: Der Finanzberater sucht die beste Lösung für mich

„Die Finanzprofis beraten uns und suchen die beste Lösung für uns.“ Das habe ich auch geglaubt – im Studium bin ich genau darauf reingefallen.

Was ich in meinen Lehrjahren als Value-Investor gelernt habe: Finanzberater sind Hardcore-Verkäufer. Sie müssen von dem, was sie verkaufen, gar keine Ahnung haben – sie müssen es nur verkaufen können. Deshalb sind diese großen Vertriebstrainer so erfolgreich: Sie trainieren genau diese Verkäufer im Finanzkontext, mit Einwandbehandlung und allem Drum und Dran.

Ein Finanzberater ist also ein Finanzverkäufer. Bei Bankern sage ich gerne Bankverkäufer. Sie leben von der Provision: Je mehr sie verkaufen, desto mehr verdienen sie. Und jetzt das eigentlich Widersprüchliche: Sie selbst sind keine Investoren. Wenn sie wirklich so gut im Geldanlegen wären – warum müssen sie uns dann etwas verkaufen, statt ihre Methode zu nutzen und selbst reich zu werden?


Mein Weg zum Investor

Ich erinnere mich noch genau an 1993, meinen ersten Bausparvertrag. Mein Vater hatte ihn mir mit Beginn der Lehre bei der Sparkasse besorgt. Ich habe brav eingezahlt – und am Ende der Frist fand ich das System einfach dämlich. Ich sah nicht ein, warum ich irgendwo Geld einzahle, dafür weniger Prozent bekomme als die Inflation, nur um danach das Anrecht zu haben, mich zu verschulden. Ich wollte mein Geld zurück. Mit 17 ist das im Geschäftsraum der Sparkasse in Herdecke ordentlich eskaliert – mein Vater musste mit, weil ich noch nicht volljährig war. Ich habe mich durchgesetzt und mein Geld wiederbekommen. Das war mein erster Kontakt mit dem Thema Geldanlage – und seitdem war ich skeptisch.

Später, als mein Business profitabel lief, stand ich vor der Frage: „Ich habe jetzt Geld – aber was mache ich damit?“ Eins war klar: Ich hasse Casino. Zu meinem 30. Geburtstag haben mich Studienfreunde mit 50 Euro ins Casino in Dortmund eingeladen. Rate mal, wer mit seinen 50 Euro wieder rausspaziert ist. Ich. Ich spekuliere nicht auf Glück. Wenn ich Geld anlege, will ich verstehen, was ich da tue.

2015 bin ich dann über den Podcast Invested von Phil Town und seiner Tochter Danielle gestolpert. Phil ist ein sehr erfolgreicher Investor in den USA, Danielle Juristin – und wenn er beim Joggen etwas erklärte, grätschte sie als Profi dazwischen und stellte genau die Frage, die ich auch gerade im Kopf hatte. Da merkte ich: Da ist Substanz hinter. Über die beiden ging eine ganze Welt auf: der Begriff Burggraben, und Namen wie Charlie Munger, Warren Buffett, Mohnish Pabrai, Guy Spier und André Kostolany. Eine faszinierende Szene, in der wirklich alle ihr Wissen teilen. Das Buch zum Podcast, Invested, habe ich in einem Sommer in der Bretagne am Strand verschlungen – und noch im Urlaub angefangen, meinen eigenen Prozess zu entwickeln.


Das Ziel: Don’t lose money

Mein Ziel Nummer eins beim Anlegen habe ich von Charlie Munger: Don’t lose money. Es geht nicht in erster Linie um die maximale Rendite, sondern darum, in der gesamten Strategie kein Geld zu verlieren.

Es ist im Value Investing gar nicht so unüblich, dass jemand Geld in eine analysierte Firma steckt, nach drei Jahren wieder aussteigt – und ungefähr dasselbe Geld zurückbekommt. Eine Nullinvestition. Und genau das ist okay. Denn ich will mein Geld lieber wieder zurück, als es in etwas zu stecken, das ich nicht verstehe, und es ist hinterher weg.

Was ich eigentlich suche, hat Mohnish Pabrai schön beschrieben: No downside, big upside. Er nennt es ein geschenktes Lotterieticket – ich kann nur gewinnen, aber nicht verlieren. Oder mit Warren Buffett: einen 10-Dollar-Schein für 5 Dollar kaufen.


Mein Prozess: in Phasen gedacht

Der Systemingenieur denkt nun mal in Prozessen. Ich kann nicht anders.

Phase 0: Ideen finden

Hier bin ich am häufigsten unterwegs. Quellen für Ideen:

  • Wirtschaftsnachrichten – verschiedene Quellen lesen.
  • Den Gurus folgen – große Fonds müssen in den USA einmal im Quartal offenlegen, was sie gekauft haben. Drei Monate Verzug sind für langfristige Value-Investoren kaum ein Problem.
  • Gezielte Branchenrecherche – meine Lieblingsmethode. Ich nehme eine Branche und bohre mich rein. Beispiel Flughafenbetreiber: hochspannend, aber gelernt, dass bei Flughäfen immer die öffentliche Hand mit drinhängt. Investiert habe ich nichts – aber wahnsinnig viel gelernt. In jeder Branche gibt es Diamanten, die man auf den ersten Blick nicht sieht.
  • Produkte, die ich selbst nutze – ich drehe im Supermarkt auch mal etwas um und schaue, von welcher Firma es ist und ob sie öffentlich gehandelt wird.
  • Gespräch mit Investoren – spannend, aber mit einer goldenen Regel: Wenn wir investiert sind, sagen wir nicht, in was. Sonst setzt man sich gegenseitig unter Druck, dasselbe zu kaufen.

Der Kompetenzbereich: Ist das überhaupt etwas für mich?

Bevor ich eine Idee weiterverfolge, prüfe ich drei Dinge:

  1. Habe ich Interesse am Thema? Wenn nicht, kann es die tollste Firma sein – ich schlafe über den Jahresberichten ein und schieße irgendwann einen Bock.
  2. Verstehe ich die Branche und das Geschäftsmodell? Es macht keinen Sinn, in etwas zu investieren, das ich nicht verstehe.
  3. Wie ist mein Konsumverhalten? Verdiene ich über das Produkt Geld – oder gebe ich Geld dafür aus? Ein guter Indikator, ob ich das, was ich da sehe, überhaupt schätze.

Zwei Beispiele machen das greifbar:

  • Boss ist in der Value-Szene ein gesetzter Kandidat – aber für mich nicht. Mode interessiert mich null, ich verstehe die Branche nicht, und ich habe seit acht Jahren keinen Anzug mehr gekauft. Also lasse ich die Finger davon, egal wie gut die Zahlen sind. Ein anderer – Gerd – versteht Boss, für ihn ist es perfekt.
  • Zoom dagegen: Ich halte seit 2008 Webinare, finde das ganze Online-Thema super spannend, verstehe das Geschäftsmodell und nutze es täglich. Ein 100-%-Match – das lohnt sich anzuschauen.

Phase 1: Filtern – ist es ein gut geführtes Unternehmen?

Jetzt kläre ich drei Mindestanforderungen ab. Alle drei sind öffentlich und in Minuten geprüft:

  • Return on Equity (Eigenkapitalrendite) – in den letzten 10 Jahren konstant über 10 %?
  • Return on Invested Capital – ebenfalls über 10 Jahre über 10 %? (Vereinfacht: einmal eigenes Geld, einmal externes Geld.)
  • Verschuldung – kann das Unternehmen seine Schulden innerhalb von rund drei Jahren aus dem laufenden Gewinn tilgen?

Reißt auch nur einer dieser Faktoren die Hürde – etwa der ROE auch nur einmal in zehn Jahren unter 10 % – ist es für mich raus. No-Go. Das passiert übrigens selten so knapp: Meist sind die Kandidaten satt drüber oder satt drunter. Der Gedanke dahinter ist zutiefst unternehmerisch: Wer keine Schulden hat, hat keinen Stress und kann frei entscheiden. Das kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung mit der Insolvenz.

Phase 2: Vertiefen – die Wachstumsraten und der Stimmigkeits-Check

Jetzt gehe ich in die Zahlen. Ich ziehe mir die Original-Jahresberichte der letzten 10 Jahre und übertrage sieben, acht Kennzahlen händisch in meine Excel-Tabelle. Das ist kein großer Denksport, sondern Copy & Paste – die meiste Zeit geht dafür drauf, in der Finanzsprache den richtigen Begriff zu finden (manche Firmen tauschen die Begriffe über die Jahre sogar aus).

Excel errechnet mir daraus die Wachstumsraten von vier Größen über zehn Jahre:

  • Buchwert (Unternehmenswert)
  • Gewinn
  • Umsatz
  • operativer Cashflow

Auf den Trend schaue ich zuerst: Wachsen alle vier stetig, wirtschaftet das Unternehmen gut. Viel wichtiger ist aber: Sind die vier zueinander stimmig?

Warum? Diese vier Parameter kann ein hochprofessioneller CFO in der Bilanz beeinflussen – völlig legal. Das kennen wir aus unserem eigenen Kontext: Wir können unsere Bilanz mit dem Steuerberater so trimmen, dass sie für die Bank schön profitabel aussieht – oder fürs Finanzamt eben nicht so profitabel. Konzerne machen genau das, nur mit Profis und ein ganzes Jahr lang. Manipulieren im legalen Rahmen können sie also viel – nur eines nicht: Wenn sie an einem Parameter drehen, verschieben sich die vier Größen zueinander. Sie hängen voneinander ab und können sich nicht entkoppeln.

Springen die vier Kurven also wild zueinander, ist das eine rote Flagge. Dann kommt der Kandidat in das, was Warren Buffett die Too-hard-Box nennt: zu schwer zu verstehen. Lieber beschäftige ich mich mit Kandidaten, die ich verstehe. (Einzelne Sprünge sind übrigens normal – das sind dann Wirtschaftskrisen wie 2007 oder 2020.)

Phase 3: Verstehen – und der Werte-Check

Jetzt gehe ich richtig rein. Ich lese die Jahresberichte – meist einen älteren und einen aktuellen. Hat der Vorstandsvorsitzende gewechselt, lese ich den letzten vom Alten und den ersten vom Neuen. Mich interessiert: Ist da Substanz drin oder nur heiße Luft? Übernimmt der Neue das Erfolgreiche – oder will er erstmal mit dem neuen Besen alles kehren? Lest mal die Vorworte von Warren Buffett: Er dokumentiert darin sogar seine eigenen Fehler. Über diesen Schatten springen die wenigsten Top-Manager.

Die Leitfrage bleibt immer: Verstehe ich diese Branche und dieses Geschäftsmodell? Bei Garmin zum Beispiel kannte ich nur die Sportuhren – dass die bis zu einem vollautomatischen Notfall-Landesystem für Kleinflugzeuge bauen, wusste ich nicht. Aber: Das ist Mechatronik, Systems Engineering, komplexe Systeme – damit kenne ich mich aus. Verstanden.

Und dann gibt es noch einen Faktor, den ich erst spät bewusst gelernt habe: Passt es mit meinen Werten zusammen? Bei Monster Beverage (dem Red-Bull-Konkurrenten) passte alles – Mindestanforderungen, Wachstumsraten, Branche, Geschäftsmodell. Dann stand ich zufällig im Getränkemarkt an der Kasse, nahm eine Dose mit, las an der Kasse die Zutatenliste – und für mich war klar: Ich investiere nicht. Ich sehe keinen Sinn darin, dass diese Firma unseren Kindern so etwas andreht. Tolle Zahlen, aber nicht meine Werte.

Phase 4: Bewerten – was bin ich bereit zu zahlen?

Jetzt ermittle ich einen Preis, zu dem ich kaufen würde. Das Handwerk ist simple Mathematik und läuft in Excel automatisch. Ich nutze drei Ansätze als eine Art Dreipunktschätzung:

  • 10-Cap – 10 % auf den Jahresnettogewinn. Wer Immobilien kennt, kennt das Prinzip: Bei 100.000 Euro Kaufpreis will ich pro Jahr mindestens 10 % – und rechne rückwärts. Basiert auf dem Gewinn.
  • Payback-Time (Amortisation nach ~7 Jahren) – Wann habe ich mein Geld über den Cashflow wieder raus? Basiert auf dem Cashflow.
  • Margin of Safety (50 % Sicherheitsabstand) – die berühmte Sicherheitsmarge. Basiert auf dem Buchwert.

Alle drei liefern Preisindikationen, die meist nah beieinanderliegen. Daraus fälle ich einen educated guess und lege einen Preis fest. Fällt die Aktie auf oder unter diesen Wert, werde ich aktiv – mit eingebautem Sicherheitsabschlag.

Phase 5: Dokumentieren, invertieren, üben

In der Regel bietet mir Mr. Market jetzt einen viel zu hohen Preis. Völlig normal. Also kommt das Unternehmen auf meine Wunschliste – und ich mache vier Dinge:

  1. Zusammenfassung schreiben. Warum ist das eine tolle Firma, wie kam ich auf den Preis, wie verstehe ich die Branche? Das hilft, wenn ich zwei Jahre später kaufe und nochmal nachlesen will, was sich der Maik von damals gedacht hat.
  2. Argumente invertieren. Je länger man sich mit einem Kandidaten beschäftigt, desto mehr fängt man an, ihn zu lieben – und blendet Schlechtes aus. Also rede ich mir das Unternehmen bewusst wieder aus, allein oder mit einem anderen Investor. Ein simpler Trick von Charlie Munger gegen blinde Flecken.
  3. Checkliste durchgehen. Habe ich wirklich alles gemacht, was ich machen wollte?
  4. Übungsanteil kaufen. Einen kleinen Teil – groß genug, dass es wehtäte, ihn zu verlieren, aber verkraftbar. Habe ich beim Klick auf „Kaufen“ ein schlechtes Gefühl, stimmt etwas in meiner Analyse nicht. Dann gehe ich zurück und kläre es. Mein Bauchgefühl hat mich da mehr als einmal vor einem Fehler bewahrt.

Fühlt sich der Übungsanteil gut an, setze ich einen Google Alert auf den Kurs – und warte.

Phase 6: Kaufen – in vier Chargen

Irgendwann kommt der Trigger, meist ein Kurseinbruch. Wichtig: den Grund verstehen. Schönes Beispiel ist Chipotle (2016/2017): eine starke US-Kette, die wegen eines E.-coli-Ausbruchs einbrach. So ein Problem dauert ein bis anderthalb Jahre – so lange haben die Spekulanten an der Börse keine Geduld, sie steigen aus, der Kurs fällt und kommt uns entgegen. Wir verstehen, dass sich das Problem wieder auflöst, und sitzen entspannt da.

Dann gehe ich meine Checkliste „teure Fehler“ durch und kaufe. Mit einem psychologischen Trick, den ich von einem Mentor gelernt habe: Ich kaufe zuerst nur 25 % meines Budgets. Denn es gibt dieses ungeschriebene Gesetz – kaufst du eine Aktie, fällt sie danach; kaufst du sie nicht, steigt sie. Mit den vier Chargen drehe ich das ins Positive: Fällt sie weiter, ist das super – Mr. Market bietet mir noch günstiger an, und ich kaufe die nächste Charge. Schaffe ich nicht alle vier Chargen, habe ich immerhin 25 %. Besser als gar nichts.

Am Ende besitze ich ein Stück von einem tollen Unternehmen – auch wenn es nur ein winziges Kuchenstück ist. Ich hatte mal Apple-Aktien: Da gehst du in einen Apple Store und denkst „Boah, das ist meine Firma.“ Und ich habe das No downside, big upside – weil ich mich so intensiv damit beschäftigt habe, dass ich sicher sein kann, don’t lose money befolgt zu haben.


Drei Tipps aus der Praxis

  1. Entwickle dein eigenes Vorgehen. Ich habe meins von meinen Mentoren gelernt – aber jeder tickt anders. Selbst Buffett und Munger gehen unterschiedlich vor. Die Denke im Hintergrund ist gleich, der Weg dahin ist persönlich. Nutz gerne viel von meinem Prozess, aber bau dir deinen eigenen.
  2. Lerne Geduld. Das Härteste ist, ein tolles Unternehmen auf der Wunschliste zu haben und anderthalb Jahre darauf zu warten, dass Mr. Market endlich einen vernünftigen Preis liefert – während die Aktie scheinbar nur weiter steigt. Genau dieses Sitzen und Warten ist der schwierigste Teil. Aber er lohnt sich.
  3. Bau dir einen eigenen Investoren-Arbeitsplatz. Einen Ort, den du genau so liegen lassen kannst, wie du ihn verlässt – ohne Buchhaltung oder Kundengeschäft dazwischen. Du kommst nach vier Wochen zurück und da liegt: „Ach ja, der Garmin-Jahresbericht, den wollte ich noch lesen.“ Gerade bei dieser Form von Investieren ist das Gold wert.

Was ich in sechs Jahren dazugelernt habe

Den Vortrag oben habe ich 2021 in der Mastermind gehalten. Hier mein ehrlicher Rückblick auf die Jahre danach.

Zahlen sind nur eine Schätzung. Als Ingenieur komme ich aus einer empirischen Welt – für mich waren 28,23 Euro eben 28,23 Euro. In unserer Value-Investing-Runde haben wir aber jahrelang Firma analysiert und nie auf exakt die gleichen Zahlen gekommen – obwohl wir alle dasselbe getan haben. Irgendwann war klar: Es ist eh nur eine Ungefähr-Schätzung. Solange wir alle in derselben Größenordnung lagen, passte es. Heute schaue ich nicht mehr auf die Nachkommastelle. Kommt das Ding Richtung meines errechneten Werts, geht die erste Charge rein. Ich habe genug getan, um das Risiko maximal zu senken – das muss nicht auf den Cent genau sein.

Wenn das Leben dazwischenkommt. Nach 2021 kamen private Themen: Mein Vater war über Jahre schwer dement, war in Pflegeheimen und ist im Februar 2026 verstorben. Energietechnisch hat mich das rausgebracht – ich habe das Value Investing eine Zeit lang gar nicht mehr betrieben. Als ich wieder eingestiegen bin, war das Wissen zwar noch da (wie Fahrradfahren), aber ich war ganz schön eingerostet. Das Learning: kontinuierlich dranbleiben und sein Handwerk pflegen.

Die Power einer Mastermind. Genau hier liegt der Schlüssel. Allein im stillen Kämmerlein fabuliert man sich etwas zusammen – und merkt nicht, wenn man falsch liegt. In der Runde nehmen wir uns eine Branche oder eine Firma vor, jeder analysiert für sich, und beim nächsten Call legen wir die Ergebnisse übereinander. Erst dann sieht man: Warum komme ich beim 10-Cap oder bei der Margin of Safety auf einen ganz anderen Wert als die anderen? Diese Reflexion, das Challengen, das Drangeblieben, das bekommst du allein nicht hin. Deshalb halte ich es für unglaublich wichtig.


Ist das etwas für dich?

Geld anzulegen und Rücklagen zu bilden macht Sinn – mit welchem Ziel auch immer. ETFs sind dafür ein sehr gut funktionierender, eher passiver Weg. Value Investing ist ein anderer Ansatz: aktiver, unternehmerischer, und er macht nur Spaß, wenn dich das Thema wirklich packt.

Ich baue gerade sehr konsequent eine Value Investing Mastermind auf – für Unternehmerinnen und Unternehmer, die in dieser Art und Weise anlegen und das Thema für sich voranbringen wollen. Es wird regelmäßige Calls geben und ein- bis zweimal im Jahr physische Treffen.

Wenn dich das interessiert: Das Internet kennt mich. Such einfach nach Maik Pfingsten, schick mir einen kurzen Ping, dann springen wir in einen Zoom und schauen, ob es passt.

Lach viel und hab viel Spaß – was auch immer du gerade machst.